Kundentyp: armes Schwein – ich mag sie trotzem nicht

Es gibt Kunden – Patienten, die sind wirklich arme Schweine. Sie haben schweres Rheuma, können manchmal kaum in die Apotheke laufen oder COPD und röcheln bei jedem Schritt, den sie tun. Aber ich kann trotzdem einfach kein Mitleid für sie empfinden. Jeder stöhnt innerlich, wenn man sie bedienen muß, weil plötzlich alle Kolleginnen anderes zu tun haben, wenn sie die Offizin betreten.Was ist mit diesem Leuten? Warum bediene ich gerne Frau R., deren Rheuma auch wieder ganz übel ist und Frau W., die genau so schwer krank ist, nicht?

Frau R. bemitleidet sich nicht selbst. Sie freut sich, wenn ich ihr die Tür aufhalte oder ihr mit dem Rollator helfe und bedankt sich auch mal mit ein paar Plätzchen oder Schokolade oder auch nur mit Worten. Sie erwartet oder fordert Hilfe oder Unterstützung nicht, lehnt sie aber auch nicht ab. Frau W. klagt in einem fort und läßt sich auch nicht trösten. Alles ist schlecht, alle Menschen wollen nur etwas von ihr, sie würde geben und geben und nie bekämme sie etwas zurück. Wenn ich ihr sage, wie toll das doch ist, daß sie noch/wieder selber in die Apotheke laufen kann, dann beklagt sie sich, daß sie ja kein Geld fürs Taxi hat, ihre Nachbarn so unfreundlich wären und sie nie fahren würden, der Nachbarsjunge, der für sie die Einkäufe die Treppen hochträgt verlangt jetzt Geld dafür usw.  Sie hat nicht begriffen, daß sie nur das bekommt, was sie anderen gibt oder bereit ist zu geben. Und sie gibt nichts, jedenfalls nicht ohne groß darauf hinzuweisen, wie großzügig sie jetzt ist.

Frau R. mag andere Menschen und deswegen mögen wir sie, Frau W. …. tja, die mag keinen und keiner mag sie. Eben ein armes Schwein.

Oder wie Stephen Fry in einem Interview   (ziemlich gegen Ende) sagt: Selbstmitleid ist die häßlichste Emotion, hör auf damit! Und ironischerweise, wer aufhört sich selbst zu bemitleiden, der wird Mitleid von anderen erfahren.

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5 Gedanken zu “Kundentyp: armes Schwein – ich mag sie trotzem nicht

  1. Oh, das kann ich aus meiner Ecke des Gesundheitssystems bestätigen! Patienten, die sich selbst massiv bemitleiden und sich als von allen Menschen auf der Welt am schlimmsten gestraft empfinden, sind definitiv mit die anstrengendsten.
    Ich weiß gar nicht so recht, WAS dieses Verhalten in mir auslöst, aber es blockiert meine Fähigkeit zur Empathie. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass dann im weiteren Gesprächsverlauf noch darüber geschimpft wird, dass wir (wenn wir als Krankenwagen da sind) viiiieeeel zu spät gekommen sind und der Patient in seinem Leid warten musste, dass mein Kollege fährt wie ein Rowdy (was nicht der Fall ist) und und und. Schönes Wetter ist schlimm, schlechtes Wetter ist schlimm, gar kein Wetter ist auch schlimm. Und es ist immer alles persönlich gemeint und gezielt gegen den Patienten gerichtet. Auch das Wetter.

    Dann gibt es andere, die ebenfalls leiden und denen es wirklich nicht gut geht, die sich dabei aber nicht selbst bemitleiden und nicht die „Mir geht es am schlimmsten von allen!“-Einstellung haben. Das müssen nicht mal Leute sein, die versuchen, stark zu sein und mitzuarbeiten. Allein dass sie sich dabei nicht ununterbrochen selbst bemitleiden und von allen bestätigt hören wollen, wie schlimm es sie getroffen hat, lässt die Situation ne völlig andere sein.

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  2. âls Leser bei Pharmama bin ich nun auch auf diesen Blog gestossen! Viel Spaß und Erfolg damit!

    Mir gefällt das so oft gebrauchte Totschlagargument „Selbstmitleid“ überhaupt nicht!

    Was, wenn die Gemütslage – hier dieser Dame – einfach stimmt?

    Sollte sie optimistisch sein, wenn ihr Mann kürzlich gestorben ist, ihr Sohn gerade bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist, sie gerade mit 59 ihren Job wegen Unternehmenspleite verloren hat, die Wohnung gerade wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde und sie selbst an Krebs und COPD leidet?

    Solche Schicksale gibt es – sich darüber zu beklagen ist natürlich nur Selbstmitleid…

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    1. Uli, schwierig. Ich rede hier von den Leuten, die immer! jammern. In der von Dir geschilderten Situation zu klagen ist etwas anderes, als was ich gemeint habe. Die, die ich meine sind die, die genußvoll im Selbstmitleid versinken, aber für andere nie ein offenes Ohr oder großes Herz haben. Die nur allzu gerne alles Mitgefühl ihrer Mitmenschen aufsaugen, sich aber immer noch beklagen, daß es zu wenig ist, aber selber nicht in der fähig sind auch nur einen Hauch des Mitgefühls zurück zu geben.

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