Retaxation – oder wie man leicht Geld verdient

Was genau ist eigentlich eine „Retaxation“ – was passiert da, wer macht das, warum und wieso ist das legal?

Re-Taxation bedeutet wortwörtlich: Zurück rechnen. Wenn wir eine Rezeptur anfertigen, dann hat die keinen fertigen Preis, sondern muß erst taxiert werden, also ausgerechnet werden. Taxieren von Rezepturen ist auch immer eine beliebte Aufgabe bei den PKA Prüfungen. Eine Retaxation ist also ein Zurückrechnen bzw. neu berechnen einer Taxation der Apotheke. 

Retaxen kommen von den Prüfstellen der kranken Kassen. Dort werden alle eingereichten Rezepte noch einmal durch eine Prüfsoftware gejagt und auf jeden nur erdenklichen formalen wie inhaltlichen Fehler geprüft. Als ich vor über zwanzig Jahren in der Apotheke anfing, gab es das nicht. Die Kranken Kassen hatten schlicht gar nicht die Möglichkeit der massenhaften Überprüfung. Die Rezepte wurden alle noch per Hand taxiert und dann die Einzelsummen mit einem Taschenrechner zusammengezählt. Ab 1997 (meine ich) gab es dann, als sich die Computer in allen Apotheken durchgesetzt hatten, die Verpflichtung die Rezepte computerlesbar zu bedrucken. Ich erinnere mich, daß es wirklich noch ein paar wenige Kollegen gab, die das mit schwarzem Filzstift machten…..Und damit war der massenhaften und schnellen Überprüfung aller Verordnungen Tür und Tor geöffnet. Erste Retaxationen kamen dann so um 2000 rum, da waren es aber meistens so Sachen wie Abgabedatum überschritten oder vielleicht mal falsche Menge. Aber es war selten, vielleicht eine Retax im Monat. Seit so ca. zehn Jahren haben diese …. Überprüfungen aber Formen angenommen, die jenseits von dem sind, was ich unter partnerschaftlichem Miteinander verstehe. Es wird damit richtiges Geld verdient – ein Beweis dafür: die Familie der C&A gehört hat sich bei einer Retax-Firma eingekauft! Das sind Betriebe, die Gewinn erwirtschaften müssen. Und dazu sind dann bald alle Mittel recht.

Warum kann retaxiert werden: wenn die Apotheken Rezepte beliefern, die nicht ordnungsgemäß ausgestellt sind (Fehler des Arztes, aber wir büßen dafür als letzte Kontrollinstanz). Wenn also z.B. der Arztstempel nicht den Vornamen und die Telefonnummer, neben Adresse, Fachrichtung und Arztnummer beinhaltet. Besonders dreist waren von ein paar Jahren einige BKKs, die als Retaxgrund die nicht 100%ig dem Wortlaut der BTM-Verschreibungsverordnung entsprechende Gebrauchsanweisung auf dem Rezept hatten. Die Begründung für diese Aktion war die Arzneimittelsicherheit….daß sie es einfach mal mit Zechprellerei versuchen wollten, könnten sie ja schlecht offen zu geben.

So ab und an kommen tatsächlich auch mal Retaxen wegen inhaltlicher Fehler. So einmal im Jahr…

Jetzt fragen sich viele Leute, die ein normales Gerechtigkeitsgefühl haben: wie kann das denn legal sein. Tja, es steht nun mal im Liefervertrag, der zwischen den Apotheken und den Kranken Kassen geschlossen wurde (zu Zeiten, als diese Auswüchse noch nicht einmal ein Albtraum waren), daß die Verordnungen dem geltenden Recht entsprechen müssen.

Legal ist es leider, aber nicht gerecht.

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11 Gedanken zu “Retaxation – oder wie man leicht Geld verdient

  1. Ich bin weiterhin dafür dass die Krankenkassen verpflichtet werden ihre Kunden über jede Retaxe schriftlich zu informieren binnen 14 Tagen.

    Mit einem Scan des Rezeptes, dem Grund der Retaxierung in Laymens Terms (gibt es dafür ein Deutsches Wort? HILFE ich verlerne meine eigene Sprache) so wie dem Geldbetrag um den es geht.

    Ich glaube nämlich noch immer dass der Großteil der Kunden nicht möchte dass so etwas mit den Apotheken getrieben wird. Aber kaum eine Sau weiß davon.

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  2. Ich finde das wirklich ungeheuerlich. Wofür zahl ich denn Krankenkassenbeiträge? Ich will, dass meine Ärztinnen und Ärzte das Geld bekommen, dass sie für meine Behandlung verdienen (oder zumindest das, was ihnen laut Krankenkasse dafür zusteht), und dass die Apotheken, von denen ich von der Kasse zu übernehmende Medikamente beziehe, nicht auf den Kosten sitzenbleiben weil auf nem Stempel eine verdammte Telefonnummer fehlt. Ich zahle dafür Beiträge, ich erhalte eine Leistung, also soll die Kasse auch dafür aufkommen und nicht versuchen, es abzuwälzen.

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  3. Das Problem haben nicht nur die Apotheken, sondern auch die nichtärztlichen Heilmittelerbringer. Wegen Formalitäten werden da ganze Zehner/Zwanziger-VOs abgesetzt, und sei es, weil die verordnende Praxis nicht alle Häkchen gemäß dem Heilmittelkatalog gesetzt hat. Als THerapeut rennt man dann entsprechend in seiner Freizeig in die Praxen, um diese Fehler beheben zu lassen (Meine Kundschaft war meist bettlägerig). Eine einzige Katastrophe.

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