Selektiv-Verträge und die Folgen

Heute konnten wir wieder einmal live erleben, was Selektiv-Verträge der kranken Kassen für die Patienten und die pflegenden Angehörigen bedeuten. Früher war es so, da bekam man vom Arzt ein Rezept über eine Bandage oder Katheter und ging damit zur Apotheke oder auch zum Sanitätshaus. Dort bekam man dann ohne größeren Hick-Hack die Bandage angemessen und ausgehändigt, oder die Katheter und zahlte seinen Anteil und war fertig. Heute ist das VIEL komplizierter.Es begann damit, daß die Apotheke Dir mitteilte, daß sie erst eine Genehmigung einholen muß. Da fragt sich jeder normal denkende Mitmensch, wozu das denn? Das verordnet mir der Arzt doch nicht aus Jux und Dollerei. Es gibt ja schon Cleverles, die lassen sich ein Blutdruckmeßgerät verordnen, schicken das dann ihrem Kumpel in Hintertupfistan, der gibt es seiner bedürftigen Mutter und Herr Cleverle läßt sich von einem anderen Arzt ein zweites Gerät verordnen. Das ist natürlich dann schon Betrug an der Sozialgemeinschaft. Aber im Allgemeinen braucht die Person, die ein Hilfsmittel verordnet bekommt selbiges auch. Sie braucht es auch meistens am selben oder spätestens am Folgetag. Hier haben manche kranken Kassen scheinbar die Idee, daß sie mit besonders gründlicher (sprich langsamer) Bearbeitung dafür sorgen können, daß sich die Frage auf natürlichem Weg erledigt (Stichwort: sozialverträgliches Ableben). Es ist auch nicht zu verstehen, warum wir für ein Blutdruckmeßgerät eine Genehmigung einholen müssen, wenn es schon Vertragspreise gibt. Oft ist es ja schon eine Frage, wieviel die kranke Kasse überhaupt bezahlt, um dem Patienten sagen zu können, was sein Eigenanteil ist. Aber wenn es schon Preise hat….????

Jetzt zu dem Fall, der mich zu diesem Blogeintrag getrieben hat. Die AOK Baden-Württemberg hat sowohl für aufsaugende wie ableitende Inkontinenzprodukte Verträge ausgeschrieben, denen die Apotheken einzeln – also nicht über unseren Verband alle Apotheken – beitreten können. Wir haben diesen Vertrag für die aufsaugenden Inkontinenzprodukte (also Windeln, Einlagen und der gleichen), aber dem für ableitende sind wir nicht beigetreten, da die Vertragsbedingungen einfach indiskutabel waren. In wenigen Worten: ALLES!!! und mehr fordern, aber nichts zahlen (Einkausfpreis MINUS! Fünf Prozent, Schulungen fürs Personal und den Patienten, Lieferung nach Hause etc. also einen Mercedes S-Klasse mit Luxusausstattung zum Preis eines Fiat Panda). Heute kam eine unserer Kundinnen völlig verzweifelt zu uns, ihr Mann ist mit Blasenkrebs im Prinzip zum Sterben aus der Klinik heimgeschickt worden und jetzt muß der Katheter gewechselt werden. Man weiß nicht ob er verstopft ist oder etwas schlimmeres los ist. Aber es gibt in unserem Ort mit immerhin 6 oder 7 Apotheken keine die bei diesem Vertrag mitmacht. Das Sanitätshaus vor Ort macht nicht mit, in der nächsten größeren Stadt macht keine Apotheke mit (nicht mehr…warum wohl?). Sie war den Tränen nahe, bzw. weinte wirklich schon und war einfach nur völlig überfordert. Dabei kostet so ein Katheter grade mal 5 Euro und das Wechselset vielleicht 12 Euro. Wir konnten, bzw. haben ihr natürlich geholfen, aber das zeigt doch, wie krank das System zum Teil schon ist.

Und wenn wir das jetzt mal weiterdenken und auf Arzneimittel beziehen, dann gute Nacht! Deswegen brauchen wir unbedingt ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Denn sonst gibt es garantiert in absehbarer Zeit Selektivverträge der kranken Kassen mit bestimmten Apotheken und derartige Situationen werden unser täglich Brot werden. Wenn es uns dann überhaupt noch gibt.

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5 Gedanken zu “Selektiv-Verträge und die Folgen

  1. Hallo Aponette,
    Für Inkontinenzprodukte gibts es doch sogenannt Versorger z.b. in Bayern Incocare die Anleiten, Muster ausgeben und das Bedarfsmaterial liefern ohne Stress mit der Krankenkasse zu haben. Weil die auch Neulinge helfen wie der Arzt die Rezept richtig ausstellen muss damit es keine Probleme gibt.

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    1. Das mit der Inko ist für jede kranke Kasse anders geregelt. Und manche Versorger sind sicher ganz ok, aber für 15,-€ im Monat kann niemand was ordentliches liefern und schon gar nicht kann ein Versorger SOFORT liefern. Das kann nur die Apotheke oder das Sanitätshaus vor Ort. Aber die werden systematisch aus der Versorgung ausgeschlossen und dann steht eben die verzweifelte Ehefrau mit einem Rezept bei mir um fünf Uhr nachmittags und braucht jetzt, sofort eine vernünftige Versorgung.

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  2. Da läuft so furchtbar viel schief mit den kranken Kassen… weiteres Beispiel (wenn auch nicht apothekenspezifisch, sondern aufs Altenheim bezogen): früher lieferte ein Großhändler stressfrei das Inko-Material für das gesamte Heim. Heute hat jede einzelne Krankenkasse einen eigenen Lieferanten, pro Bewohner kommt dann monatlich ein Paket an, es muss fast schon eine Pflegekraft zur Bewältigung der Paketflut und Lagerorganisation abgestellt werden. Qualität ist seit der Umstellung teilweise fragwürdig. Bewohner, die gegen zusätzlichen Eigenanteil bessere Qualität bestellt haben, bekommen dann noch monatlich eine Rechnung geschickt. Wenn ich alleine an die ganzen Paket- und Briefgebühren denke… und dann die ganzen Nebeneffekte – wenn mal eine Vorlage mehr benötigt wird, muss die nächste eben zwei Tage halten, da meist sehr knapp geliefert wird, und, und, und.

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  3. Da ist so einiges im Argen, ich denke es muß definitiv eine Überarbeitung des gesamten Konzepts her. Wenn das so weitergeht, richten wir nicht nur unsere Vor-Ort-Apos zugrunde, sondern auch uns selbst.

    Irgendwann werden sie dann sehen, dass die ach so tollen Konzepte, die besonders auf Geiz ist geil Wert legen, zu nix taugen. Dann ist es allerdings schon zu spät.

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    1. Ausländische Großkapital-Interessenvertreter werden uns retten! Jeden einzelnen bedürftigen Menschen werden diese bei der Hand nehmen und ihn mütter-fürsorlich betüddeln und umsorgen. Selektivverträge der kranken Kassen mit dem Großkapital werden dies ermöglichen. – Zumindest, bis das Konto des Versicherten leer ist…^^

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