Es gibt zu viele Apotheken – Teil 2

Das „Argument“, der „Es gibt zu viel Apotheken“-Sager, ist häufig folgendes: „Bei uns gibt es auf 500m drei (vier, fünf) Apotheken, dann muß es denen ja gut gehen.“ Wie sieht es denn damit aus? Ich habe mir mal drei Orte bei mir in der Gegend angesehen, wie es da mit der Verteilung der Apotheken aussieht.Ludwigsburg: wer vom Bahnhof an den Marktplatz läuft, kommt an fünf Apotheken vorbei und am Markt sind noch einmal zwei. Scheint ja schon sehr viel. Dazu gibt es noch eine Achte, die ein klein wenig abseits liegt. Also acht Apotheken in der Innenstadt. Aber dann gibt es die nächsten erst in knapp zwei Kilometer Entfernung. Und zwar in jede Richtung! Wer auf seinem Weg vom Bahnhof jetzt aber mal nicht nur die Apotheken zählt, sondern auch die Arztpraxen, muß, wenn er nach der selben verqueren Logik geht, zum Schluß kommen, daß es auch viel zu viele Ärzte gibt. Denn man kommt an fast fünfzehn Arztpraxen vorbei, und der größte Teil davon sind Gemeinschaftspraxen mit zwei oder mehr Ärzten, die also noch viel mehr Patienten versorgen können, als ein einzelner Arzt. Hier wird also vermutlich die Hauptzahl aller Rezepte in Ludwigsburg generiert. Das erklärt dann allerdings auch die Apothekendichte, denn noch macht der Umsatz mit verschreibungspflichtigen Arzneimittel mindestens 75% der Umsätze aller Apotheken aus. Geschlossen haben in Ludwigsburg in den letzten zwanzig Jahren m.W.n. sechs Apotheken, die alle an der Peripherie der Innenstadt lagen. Nur eine wurde an fast der selben Stelle wieder neueröffnet. Im „neuen“ (sanierten) Einkaufszentrum gab es früher eine Apotheke, aber jetzt nicht mehr.

Feuerbach: auf der Stuttgarter Straße, welche auch gleichzeitig die Haupt-Einkaufstraße ist, gibt es sechs Apotheken. Es waren einmal sieben – aber eine ist inzwischen auch geschlossen. Insgesamt haben seit 1997 in Feuerbach vier Apotheken geschlossen, drei wurden neu eröffnet (diese drei gehören alle dem selben Apotheker). Geschlossen wurden übrigens genau die Apotheken, die NICHT auf der Hauptstraße lagen – mit einer Ausnahme. Zwei Apotheken lagen an Nebenstraßen und lebten ursprünglich von den Ärzten, die im Haus oder drum herum waren, eine war im Wohngebiet oberhalb bei einem kleinen Einkaufszentrum. Es gibt also in Feuerbach inzwischen nur noch diese sechs Apotheken an dieser einen Straße. Auch in Feuerbach konzentrieren sich die Ärzte inzwischen an der Stuttgarter Straße, es gibt mindestens fünfzehn Praxen im Umkreis von fünfhundet Metern. Auch die Praxen, die früher in den Nebenstraßen in umgebauten Wohnungen waren, sind inzwischen zum größten Teil in die Stuttgarter Straße umgezogen. Grund dafür war der Bau eines moderen Ärztehauses, wo es zeitgemäße Räume und vor allem Aufzüge gibt.

Kornwestheim: der einzige Ort an dem die Apotheken relativ gleichmäßig auf ganzen Gebiet verteilt sind. Es gibt eine gewisse Häufung in Bahnhofsnähe, aber auch in den Randbezirken gibt es immerhin drei Apotheken. Auch hier kann man sehen, daß die Apotheken dort sind, wo die Ärzte sind. Auch in Kornwestheim hat eine Apotheke in einer Seitenstraße geschlossen.

Apotheken sind also i.d.R. da, wo die Arztpraxen sind. Ist das nicht der Fall, dann könnte es sein, daß es früher dort viele Praxen gab, die jetzt in moderne Räume umgezogen sind, die Apotheken aber nicht folgen konnten. Eine Apotheke kann ich nicht einfach irgendwo eröffnen, es muß ein entsprechendes Ladenlokal da sein. Eine Apotheke muß mindestens 110qm Grundfläche haben, ich muß ein Labor und eine Rezeptur einrichten können, ich brauche eine vernünftige Offizin (= Verkaufsraum), ein Notdienstzimmer, Lagerfläche, einen zweiten Ausgang.etc. Diese Anforderungen sind es auch, die das Weitervermieten von ehemaligen Apothekenräumen so schwer machen. Für ein kleines Geschäft (z.B. Schreibwaren, Second-Hand Laden) sind die Räume viel zu groß und für ein größeres (z.B. einen Supermarkt) zu klein. Apotheken in Vororten sind auch häufig an Bushaltestellen, neben dem kleinen Einkaufszentrum oder dem Bäcker. Da wo eben viele Leute vorbeikommen. In der Regel gibt es die passenden Räume eben eher in den Innenstädten, da dort ja auch die anderen Geschäfte sind. Also ist es naheliegend, daß auch die Apotheken sich bevorzugt in Innenstädten niederlassen oder in den Einkaufszentren, die außerhalb errichtet werden.

Aber warum sind sie dann alle auch noch nebeneinander? Kennt Ihr das Eisverkäufer-am-Strand-Phänomen? Man möchte meinen, es wäre doch am besten, wenn die Eisverkäufer den Strand halbieren und sich dann in die Mitte ihrer jeweiligen Hälfte stellen. Jetzt ist es aber so, daß der Eisverkäufer alle Kunden, die zwischen ihm und seinem Ende vom Strand sind, sicher als Kunden hat, denn weshalb sollten sie an ihm vorbeilaufen um zum anderen Eisverkäufer zu gehen? Aber die Strandgäste, die zwischen ihm und seinem Konkurrenten liegen, die sind ihm nicht 100%ig sicher. Deswegen wird er seinen Eisstand näher an die Mitte schieben, denn dann hat er immer noch alle die, die auf der Endseite liegen und vielleicht ein paar mehr von der Seite des zweiten Eisverkäufers. Und so werden beide schlußendlich nebeneinander stehen. Für die Badegäste blöd, aber für die Eisverkäufer macht es Sinn, siehe Hotellings-Gesetz.

Das Fazit: es gibt eine Konzentration von Apotheken an bestimmten Orten, die aber verständlich ist, wenn man sich etwas umschaut oder die lokale Geschichte kennt. Das führt zu dem Gefühl, daß es „zu viele Apotheken“ gibt. Aber das ist alles, was es ist, ein Gefühl, die Fakten sind andere. Fakt ist, daß in Deutschland im Durchschnitt auf 100.000 Einwohner 24,9 Apotheken kommen oder in anderen Worten, eine Apotheke versorgt im Schnitt 4.000 Einwohner. (Siehe auch diese Städte haben die höchste Apotheken-Dichte auf Apotheken-adhoc, wobei hier nicht berücksichtigt wird, wie es mit der Apothekendichte im Umland dieser Städte aussieht) Der EU-Durchschnitt liegt bei 3225 Einwohnern pro Apotheke.

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6 Gedanken zu “Es gibt zu viele Apotheken – Teil 2

  1. Genau das ist es ja, die Apotheken sind einfach nur nicht gleichmäßig verteilt.

    Es ist ja auch logisch dass die sich eher da befinden wo Ärzte in der Nähe sind.

    Hier, Großstadt 165k Einwohner, sieht es so aus.
    In der Innenstadt ca 7 Apotheken und 6 mal so viele Ärzte. Viele Geschäfte und sehr viel Pendler verkehr.

    1km in jede Richtung findet sich dann noch eine Apotheke. Die nächste wäre dann aber schon deutlich über 2km weg.

    Es gibt Stadtteile mit nicht wenig Einwohnern, da gibt es mit Glück eine Apotheke. Teilweise auch gar keine. Aber auch sehr wenig Ärzte.

    Wer dort wohnt, und das hab ich früher, weiß dass es kein Überangebot an Apotheken gibt.
    Natürlich wäre es schön wir hätten alle 750meter genau eine Apotheke. So funktioniert das aber nicht.

    Schauen wir mal ins Telefonbuch. Knapp unter 60 Apotheken für 165k Einwohner. Also knapp eine Apotheke je 2750 Einwohner.

    Oder halt 36 Apotheken je 100k Einwohner

    Wo liegen wir da? Richtig, etwas über dem Durchschnitt der EU, und weit über dem von Deutschland. In etwa gleich auf mit Frankreich. (laut ABDA Daten, denen ich einfach mal glaube)

    Aber was fällt mir auf?
    In einigen Stadtteilen reicht das einfach nicht.

    Warum sollten die Apotheken aber da hin ziehen?
    Da wo sie halt die paar Rentner mehr als Kunden haben. Die meisten gehen zur Apotheke wo sie einkaufen, im Stadtzentrum.

    Ich weiß dass in diesen Stadtteilen Apotheken zugemacht haben, und andere kurz davor sind zu schließen.
    Klar wer ein Auto hat oder der eh ständig in die Stadt muss juckt das nicht. Aber die Oma in der Wohnung eins darunter vermutlich schon.
    Die bestellt auch nicht im Internet ihre Medikamente. Nicht nur wegen der Beratung, sondern auch weil sie da bestimmt keinen netten Kurzplausch mit der freundlichen Dame hinter der Theke halten kann.
    Da kriegt sie auch keine tipps für irgendwelche kleinere wehwehchen. Dinge mit denen man nicht zum Arzt möchte, da geht man eh nur ungerne hin. Aber die Lebensqualität leidet weil halt momentan mal wieder Gelenk Y weh tut, und keiner ihr bei Erwähnung des Leids eine Salbe empfiehlt.

    NEIN da wird die Oma ihre Einstellung auch nicht ändern, so sind ältere Menschen nun mal.
    Ich sehe es bei meiner Großmutter, die muss man ja fast prügeln damit sie mal den Arzt anruft ob er vorbei kommt. Oder warum er gestern nicht gekommen ist und vielleicht Heute Zeit hätte. und das mit einer Lungenentzündung! (erst wenige Wochen her)

    Diese Leute fragen auch Niemanden ob er sie mit zur Apotheke nimmt, oder ihnen da etwas holt.
    Die rufen oftmals auch nicht dort an und fragen nach einer Lieferung. Warum? Weil sie Angst haben anderen auf den Geist zu gehen und sie zu nerven. Das wollen sie nicht, sie wollen keine Last sein.

    Aber lassen wir mal die alten Menschen kurz außen vor (nur für den nächsten Absatz, versprochen!).
    Was ist mit MIR wenn ich in so einem Stadtteil wohne und krank bin? Wirklich nicht mehr aus dem Bett komme, vielleicht gerade noch zum Supermarkt ums Eck um Brot zu kaufen?
    Das hatte ich schon, ich war zum Glück aber nicht alleine und hatte Hilfe.
    Was aber wenn man diese nicht hat?

    Auch ich müsste da den Arzt anrufen ob er vorbei kommen kann, ich müsste die Apotheke anrufen ob sie mir das verschriebene liefern. Eventuell ist der Arzt so nett und bringt das Rezept dort vorbei, oder lässt es vorbei bringen.

    Da bin ich auch auf die Apotheke in der Nähe angewiesen.

    Ja mir ist klar, die würden auch 4km mit dem Auto fahren um mir zu helfen, und dafür bin ich dankbar! Momentan müssen sie das in der Großstadt wohl eher selten.

    Aber wenn mehr und mehr Apotheken schließen wird das bald mehr und mehr Arbeit für die übrigen.

    Was verdienen die daran? Meines Wissens nach verdienen die an Lieferungen nichts.

    Macht das die Online oder „Bestellapotheke“?
    Da muss das Rezept erst mal hin, per Brief. (meine Apotheke könnte ich anrufen und die Posten telefonisch durchgeben, vorausgesetzt ich kann das Gekritzel lesen *hust*)
    Also 1 Tag mindestens bis es dort ist. Ein weiterer bis das Ding bearbeitet ist.
    Dann noch einer oder gar zwei bis die Bestellung versendet wird, und einer für die Lieferung die HOFFENTLICH auch direkt ankommt und nicht 4 tage vom Hermes Fahrer in seinem Golf herum gefahren wird.

    4 Tage, für mein wichtiges Medikament.
    Ne das wird so nichts.

    Wer diese Laufzeiten für Fantasie hält, dem sei gesagt dass ich in diesem Bereich eine leitende Position in der IT hatte. Die Laufzeiten sind absolut realistisch, außer die Versandapotheken setzen auf die 7 Tage Woche.

    Und ähm…. wo war ich gerade?

    Ahja genau. Zusammenfassend kann man nur sagen dass das WLAN im ICE mittlerweile richtig gut funktioniert.

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  2. Danke für die Beispiele – ich habe mich nämlich auch schon oft über die gefühlte Apothekendichte gewundert, gerade weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Apotheken, die zudem dicht aufeinander sitzen, heutzutage noch „Goldgruben“ sind; eher im Gegenteil. Und wenn ich von hier aus bis zum nächsten größeren Straßenbahnhalt laufe (< 1 km), komme ich an drei Apotheken vorbei, eine vierte hat zugemacht, und etwas abseits, aber auch nicht wesentlich weiter weg, gibt es noch eine fünfte. In den nächsten Stadtteilen/Teilorten sieht das (gefühlt) ähnlich aus, und auch an Durchgangsstraßen sieht man quasi ständig Apotheken.

    Soweit das Gefühl. Nach diesem Blogbeitrag habe ich dann mal Google Maps aufgemacht, um mir Fakten anzusehen – und tatsächlich: es gibt in meinem Teilort diese vier Apotheken, die quasi alle aneinander kleben; aber auch *nur* diese vier. Und tatsächlich an zwei Ärztehäusern und ansonsten an zentralen Durchfahrts- oder zumindest Einkaufsstraßen.

    Das erklärt die Beobachtung – und beruhigt mich. Man wünscht ja niemandem wirtschaftliche Schwierigkeiten, und die Margen im Gesundheitswesen sind ja nun nicht direkt üppig.

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