Bitte ohne Rezept – Folge 184

Das war sicher eine meiner seltsamsten Episoden, in dieser endlos Produktion. Eine Frau rief uns an, sie hätten in XY in Niedersachsen eine urologische Praxis (man goutiere das königliche Wir), und ihr Mann (der Urologe ist) wäre heute auf Fortbildung in der großen Stadt, die ca. 8km vom Standort der Apotheke beginnt, und ihr Schwiegersohn, der in der großen Stadt wohnt, hätte einen Hörsturz gehabt, sein verordnetes Kortison wäre jetzt aus, es wäre ja Mitwoch Nachmittag wo kein Arzt (! In der Großstadt!?!) mehr offen hätte, und ob wir ohne Rezept …. Nein, mache ich nicht, war meine Antwort, schon gar nicht, ohne irgend einen Nachweis, dass ich es hier wirklich mit einem Arzt zu tun habe. Die Ehefrau war etwas irritiert, dass ich ihr Ansinnen negativ beschied. „Andere Apotheken machen das, Sie nicht?“ Meine Antwort: „Ich halte mich an das Gesetz.“ Es mag ja schon sein, daß die Apotheke in ihrem Heimatort, wo sie als Arzt-Ehefrau bekannt ist, mit dieser Story Erfolg hat. Aber hier? 500km weit weg?
Ich fand diese ganze Geschichte insgesamt schon mehr als seltsam. Ok, der Mann ist auf Fortbildung, also sicher den ganzen Tag in einem Kongresszentrum eingesperrt, aber am Abend sollte es doch machbar mit seinem Arztausweis bewaffnet, in eine Apotheke zu gehen und dort das benötigte Kortison zu erwerben. Ebenso müsste es machbar sein, ein Privatrezept auszustellen (auf einem Ärztekongress wird doch wohl EINER der Teilnehmer einen Rezeptblock dabei haben!!). Seltsam fand ich es auch, daß sie bei uns in der äußeren Peripherie der großen Stadt anrief und nicht in einer Apotheke im Zentrum. Und schlußendlich: hier hat IMMER irgend wo ein Arzt auf, auch am Mitwoch Nachmittag, oder der Schwiegersohn muß halt zum Notdienst gehen.

Episode 185 war gestern: Fosforenol schon mal vorab, er bringt dann morgen das Rezept. Auch wieder, Nein, machen wir nicht. Dem Kunden war es aber dann mit dem „rote Ampel-Vergleich“ zumindest halbwegs verständlich, was er da verlangte. Ganz abgesehen davon, daß wir das Medikament sowieso gar nicht vorrätig hatten….

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4 Gedanken zu “Bitte ohne Rezept – Folge 184

  1. Und mal ganz abgesehen davon, dass es auch die Kongress-Serviette tun würde (rein rechtlich). Für die paar Mal, die ich Privatrezepte ausstelle (für Freunde und Angehörige… also ca. 1x/Jahr), tut es ein Zettel, A6, ordentlich geschnitten, damit die Apotheke wenigstens problemlos das Privatrezept bedrucken kann. Rezeptblock… öhm, nöö, danke, so oft brauch ich das als Klinikarzt* dann doch nicht (und dann hab ich ihn bis ich ihn mal brauche sicher verlegt). Daran hat bisher keine der Apotheken Anstoß genommen. (Die Bierdeckel-/Serviettenvariante finde ich persönlich dann nämlich doch arg unhöflich, da ihr ja die Pflicht habt unser Geschreibsel zu bedrucken.)

    In der Klinik stelle ich hin und wieder Privatezepte aus… oder besser gesagt unterschreibe sie. Denn meine Ambulanzschwestern sind im Ausstellen geübter und machen dadurch weniger Formfehler. Und man kann es besser lesen. Ich kontrolliere dann, ob da drauf steht, was ich verschreiben will. Win-Win für alle, auch die Apotheke (weniger Formfehler, bessere Lesbarkeit, weniger Reklamationen an den nie zu erreichenden Klinikarzt). Und dort gibts natürlich den Klinik-Rezeptblock. Eine Zulassung für GKV-Rezepte haben wir nicht.

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  2. Fall 1 erinnert mich an eine vor Jahren (vielleicht so 2002?) erlebte Episode: Ich bin Ärztin und brauche die Pille!
    Arztausweis? – Nie von sowas gehört.
    Eigene Praxis? –Nein, angestellt in einer Privatpraxis im Ballenungszentrum 500km away. Internetauftritt? – Braucht man nicht.
    Telefonbucheintrag? – Nein, man behandle nur ausländische Bürger vorwiegend aus dem arabischen Raum und lebe von Mundpropaganda.
    Sonst irgendwas? – Visitenkarte. – Aber da sind völlig andere Namen drauf! – Bin ja auch angestellt. – Ich versuche, anzurufen. Nur ein Rufzeichen am Samstag vormittag, nicht mal ein AB. – Ist doch logisch am Samstag.
    Ich meine, dass das so nicht geht. – Aber die Visitenkarte?! Mal davon abgesehen, dass Visitenkarten zum MITGEBEN sind (was ich so nicht sage) meine ich dann: „Wissen Sie, so eine Visitenkarte bastele ich Ihnen mit CoralDraw und einem grafikfähigen Tintenstrahldrucker in einer Stunde…“
    Da war sie dann sauer. Konnte ich aber mit leben…

    Mehr als 30min für die fehlgeschlagene Überprüfung einer ärztlichen Approbation, welche die fragliche Person mit EINEM Anruf bei der KV (für den Antrag auf den Arztausweis) hättel regeln können, ist einfach nicht drin…

    Ich frage mich aber immer, wie das umgekehrt laufen würde – also wie diese Personen reagieren würden, wenn ich von Ihnen völlig unbekannter Weise Gesetzesbruch (bei angedrohtem Berufsverlust) verlangen würde….

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  3. „Arztausweis? – Nie von sowas gehört!“ Würde mich schon arg stutzig machen… Ich meine, man muss den ja nicht haben, aber ich frage mich wie man ein erwachsener Arzt werden will ohne mitzubekommen, dass es sowas gibt? Es sei denn, man ist gar kein Arzt…

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    1. Das war „in der guten alten Zeit“ [TM]. Damals hat der motivationslos in die Umgegend rausgehauene Spruch Lassen Sie mich durch! ich bin Arzt! regelmäßig dazu geführt, dass man im Supermarkt, an der Theatergaderobe und beim Besteigen der S-Bahn an jeder Schlange ungestraft vorbeigehen dürfte… Und die gute Dame war auch dichter an der 30 als an der 60, insofern vielleicht „jugendlicher Leichtsinn“ oder so… 😛

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