Menschenverachtend

Ist meiner Meinung nach, was mit den Patienten passiert, die inkontinent sind. Gründe warum jemand „undicht“ wird, gibt es viele. Bei Frauen ist oft eine Gebärmuttersenkung verantwortlich, oder ein erschlaffter Beckenboden. Das können die Folgen von vielen Schwangerschaften sein. Bei Männern führt oft eine Prostata-Op zur Inkontinenz, zumindest vorübergehend. 

Was auch immer der Grund ist, er ist häufig nicht einmal einem ungesunden Lebensstil zuzuschreiben. Bei vielen Diabetikern würde ja schon eine Gewichtsabnahme zur „Heilung“ führen. Hier finde ich, dass man durchaus überlegen könnte, den Patienten finanziell mit ins Boot zu holen, um eine Lebensstil Veränderung durchzusetzen – neben entsprechender Schulung natürlich.
Aber bei Inkontinenz ist nicht einmal dieses Feigenblatt der „Erziehung“ für die finanzielle Belastung gerechtfertigt. Trotzdem werden die Patienten grade hier ganz heftig zur Kasse gebeten. Wie soll man auch mit einem Budget von 29,-€, 21,-€ oder gar 15,-€ einen Stuhl- und Harninkontinenten auch nur halbwegs adäquat versorgen?
Wir kalkulieren unsere Windeln und Einlagen schon sehr knapp: Listen-EK plus MWSt. Wir „leben“ sozusagen ausschließlich vom Einkaufs-Rabatt. Und trotzdem müssen viele unserer Patienten noch zuzahlen, entweder weil sie eine etwas bequemere Versorgung wünschen oder schlicht und ergreifend mehr brauchen.
Auch Kinder, die wegen einer Behinderung nie trocken werden, versorgen wir. Hier sind die Pauschalen zum Glück (noch) etwas großzügiger. Aber sobald diese „Kinder“ dann mal über sechzehn werden, gelten sie als Erwachsene und fallen unter die Pauschalen. Und dann müssen die armen Eltern, die es schon so nicht einfach haben, auch noch für die Windeln zahlen. Ein Kind, das mit fünfzehn vielleicht vier Windeln pro Tag braucht, wird nicht plötzlich mit sechzehn nur noch eine oder zwei brauchen! Oder wohlmöglich auf magische Weise trocken werden.
Ebenso absurd finde ich es, daß eine Pauschale gezahlt wird. Es ist egal, ob Frau Meyer nur vier oder fünf Einlagen niedriger Saugstärke in der Woche braucht, also mit einer Pauschale von 15,-€ mehr als gut versorgt werden könnte, oder drei große Windeln am Tag.
Diese Zustände finde ich einfach nur Menschen verachtend. Für Werbung im Kino oder Zeitschriften, die sicher mehr als nur 10.000,-€ kostet, haben die kranken Kassen Geld – aber für eine ausreichende und vor allem sinnvolle Versorgung ihrer Mitglieder nicht.

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5 Gedanken zu “Menschenverachtend

  1. Du als reicher Apotheker kannst dir die Versorgung doch leisten. Außerdem gilt doch das Prinzip der Mischkalkulation d.h. das Geld, welches du bei Patient A sparst, weil Patient A nicht so viel braucht musst du bei Patient B, der viel braucht halt bezuschussen. Und überhaupt hast du doch 90% Patienten, die deutlich weniger brauchen. [\ironie]
    Das ist einfach nur Irrsinn. Die Patienten wissen häufig nicht, dass sie Anspruch auf eine Versorgung haben und sprechen (aus Scham?) häufig erst dann mit dem Arzt, wenn nichts anderes mehr geht. Die meisten Patienten, die wir neu aufnehmen, haben einen Bedarf der an der Pauschale kratzt. Nur wird im Laufe der Zeit die Inkontinenz nicht besser, sodass die Pauschale irgendwann eigentlich immer überschritten wird. (Ausnahmen bestätigen die Regel)
    Das ist wirklich menschenunwürdig.

    P.S.: Interessant wäre auch eine „Mitschuld“ bei Rauchern mit Lungenkrebs.

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    1. meinst nicht, dass das etwas zu weit führen würde (betr. mitschuld bei rauchern)? einmal muss dann zweifelsfrei nachgewiesen sein, das das rauchen zum krebs geführt hat. weiß nicht, ob das immer möglich ist.
      weil wenn raucher ‚für ihren krebs zahlen‘, dann zahlen der gerechtigkeit halber noch viel mehr leute mit: hautkrebs (hättest ja nicht unters solarium gehen brauchen), hiv (bei sexueller übertragung, hättest ja kondome nutzen können bzw test machen und „vorsichtiger“ sein können), masern/hepatitis a&b und das ganze zeug (gibts impfung gegen, muss man heute nicht mehr kriegen), sportverletzungen (hättest ja keinen sport machen brauchen), kaiserschnitt&geburt (musst ja kein kind kriegen) und so weiter…

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      1. Der Kommentar bezog sich auf „Bei vielen Diabetikern würde eine Gewichtsbnahme schon zur „Heilung“ führen. … den Patienten finanziell mit ins Boot holen…“ Daher wollte ich einen weiteren Punkt anführen. Das kann man selbstverständlich immer weiter und weiter treiben.
        Und natürlich ist unser Gesundheitssystem sozial. Man sieht in der Apotheke nur häufig Patienten die sich darüber beschweren, dass sie so viele Tabletten einnehmen müssen. Man spricht ganz vorsichtig an, dass es Programme gibt, die beim Rauchverzicht, Abnehmen, etc. helfen. Dann kommt nur als Antwort: Da nehme ich lieber die Tablette. Das ist einfacher.
        Bei solchen Gelegenheiten kommen die obigen Gedanken.

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      2. Liebe DLA,
        das ist ein ganz heißes Thema! Und ich finde es auch besser, wie es jetzt ist. Aber wir werden trotzdem darüber reden müssen, denn viele Erkrankungen, die das System, also alle die einzahlen, viel Geld kosten, sind nunr mal durch falsche Ernährung, zu wenig Bewegung etc. verursacht. Und sie könnten mit einer entsprechenden Lebenssstiländerung vermieden oder wenigstens hinausgezögert werden.
        Aber solange große Konzerne mit Limos, Süssigkeiten, Chips und Fertigfutter Milliardenumsätze machen, normale Bauern aber im Gegenzug von ihrer Arbeit kaum noch leben können, dann läuft etwas in einem Maasstab schief, der galaktische Dimensionen hat.
        Es müßte viel weiter vorne angesetzt werden, nicht erst da, wo die Folgen schon auftreten. Prävention beginnt beim Kleinkind, das nicht mit einer Packung Fruchtzwerge vorm Fernseher geparkt wird, bei den Eltern, die nie vernünftig kochen gelernt haben, in der Schule, wo der Kiosk Milchschnitten und Caprisonne verkauft wird usw.
        Wie bei vielen komplexen Systemen: es gibt nun mal eine einfache Lösung, so gerne wir das auch hätten.

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  2. Ja, da stimme ich zu: es müßte viel weiter vorne angesetzt werden. Wird es aber nicht, da es sehr viel komplexer ist und dort natürlich die Mitarbeit derjenigen braucht, die ja noch gar nicht „krank“ sind. Und deswegen die Einsicht noch nicht vorhanden ist – was aber üblich ist. Die meisten können etwas erst dann nachvollziehen, wenn sie selbst auf die Klappe gefallen sind.

    Und eigentlich ist das System eine Solidargemeinschaft. Da zahlt man dann schon mal für den anderen mit. Das beschränkt sich meiner Meinung nach momentan leider darauf, dass die eher ärmeren für die ärmsten mitzahlen, die Reichen jedoch (wie auch immer man sie definieren mag, diese Gruppe) leider drum herum kommen. Und das läßt so ein System ausbluten.

    Und das dürfte noch viel schlimmer werden, denn ich sehe keinerlei Ansatz der Politik oder Kassen, das ändern zu wollen. Die Ärmsten werden noch weiter in Armut getrieben werden, die Gruppe der Bedürftigen in ca. 10 Jahren immens ansteigen. Und Deutschland in dem Bereich noch weiter verarmen und sozial ungerecht werden.

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